Rede

Vortrag bei „Engagement Global“ in Stuttgart über ihren Weg in den Landtag und über Herausforderungen für Migrantinnen in Deutschland

Aminata war bei einer gemeinsamen Veranstaltung von Engagement Global und dem Staatsministerium Baden-Württemberg eingeladen und hat einen Impulsreferat gehalten. Sie hat über ihren Weg in den Landtag berichtet und über die Herausforderungen von Migrantinnen.

 

Hier ihr Vortrag im Wortlaut:
Sehr geehrte Damen und Herren,
am 29. Juni dieses Jahres habe ich mich in die Liste der Schwarzen Abgeordneten in Deutschland eingereiht. Soweit ich weiß, gibt es weniger als eine handvoll Schwarzer Abgeordneter hier in Deutschland und soweit ich weiß keine weitere Frau, die auf Landes- oder Bundesebene ein Mandat inne hat.
Am 29. Juni 2017 wurde ich im schleswig-holsteinischen Landtag vereidigt und dieser Moment war einer der bewegendsten Momente in meinem Leben und dem meiner Familie.
Meine Eltern sind vor 25 Jahren nach Deutschland geflohen mit der Hoffnung, dass ihre Töchter, inzwischen vier Töchter, ein besseres, ein perspektivreicheres Leben haben sollen als sie.
Die Entscheidung politisch aktiv zu werden habe ich vor 5 Jahren getroffen. Die Entscheidung zu kandidieren traf ich letztes Jahr.
Die Auseinandersetzung, die ab diesem Zeitpunkt vor allem mit mir selbst stattgefunden hat, war vor allem davon geprägt, an wem orientierst du dich?
Diese Frage bekommt man als Mensch, der in der Politik ist, oft zu hören.
Und für mich war diese Frage nie leicht zu beantworten. Denn wen gibt es da konkret hier in Deutschland, der eine ähnliche Geschichte hat?
Und deshalb wusste ich in dem Moment, in dem ich mich dafür entschieden habe, zu kandidieren, dass ich eine Rolle einnehmen werde und auch will, in der ich stellvertretend für Menschen sprechen werde, die nicht der deutschen Mehrheitsgesellschaft entsprechen.
Als ich mich entschieden habe zu kandidieren, war ich natürlich immer wieder auf Veranstaltungen, auf Podiumsdiskussionen, in Schulen und auf öffentlichen Plätzen.
Die Erfahrung, die ich immer wieder gemacht habe und die ich nach wie vor mache ist, dass junge Menschen vor allem junge Frauen mit Migrationshintergrund auf mich zu kommen und davon begeistert sind, dass „eine von ihnen“ an einer so wichtigen Stellschraube ist und Entscheidungen mit treffen kann, die uns gesamtgesellschaftlich betreffen, die sie betreffen.
Mit der Heinrich-Böll-Stiftung in Schleswig-Holstein habe ich letztes und auch dieses Jahr an einem Projekttag teilgenommen namens „Demokratietag“.
Dabei habe ich einen Workshop gegeben habe mit dem Namen „Welche Hautfarbe trägt die Menschenwürde?“ Diese Workshops waren gut besucht und vor allem sprachen sie junge Menschen an, die selbst einen Migrationshintergrund haben.
Im Rahmen dieser Workshops habe ich beide Male die Frage gestellt „Was ist für dich deutsch?“
Die Antworten waren in der Regel vielfältig und zeugten auch von einem pluralem Gesellschaftsbild.
Bei der darauffolgenden Frage: „Fühlst du dich deutsch?“ Antworteten in der Regel diejenigen, die keinen Migrationshintergrund hatten sofort mit „Ja, natürlich!“ und jene, die einen hatten, mehrheitlich zögerlich und verunsichert mit „Nein“ oder „Ja, so halb“.
Die schmerzendste Antwort für war für mich : „Nein, denn die Leute sagen mir in der Regel, dass ich nicht deutsch bin.“
Diese Antwort, diese Auseinandersetzung als Mensch mit Migrationshintergrund ist für mich eines der Kerngründe gewesen, weshalb ich immer sicherer in meiner Entscheidung wurde, zu kandidieren und auch zu müssen, denn dieser Teil der Gesellschaft fühlt sich nicht repräsentiert und das ist ein Problem.
Als Mensch mit Migrationshintergrund oder in meinem Falle als Schwarze Frau findet die Auseinandersetzung mit sich selbst innerhalb einer weißen Mehrheitsgesellschaft in dem Moment an, in dem man des bewussten Denkens mächtig ist.
Nicht, weil man sich gerne den ganzen Tag um sich selbst dreht, sondern weil es fast wie ein Naturgesetz ist, dass Menschen es ungefragt zum Thema machen.
Von der Frage, wie es ist Schwarz zu sein, bis hin zu der Frage, ob diese dunkle Haut einen Sonnenbrand bekommen kann, ist die Palette so vielfältig wie die Nuancen schwarzer Haut, wie die Unterschiedlichkeit von Schwarzen Menschen, die einige Menschen nicht wahrzunehmen scheinen.
Aber in einem Punkt, so bin ich mir sicher, teilen wir Erfahrungsmomente.
Diese Erfahrungsmomente habe ich vor allem im Rahmen meiner Abschlussarbeit zu der Schwarzen Deutschen Frauenbewegung nachforschen können.
Seitdem ich mich mit Schwarzer deutscher Geschichte auseinandergesetzt habe, ist es für mich selbstverständlich von mir als Schwarze Deutsche zu sprechen. Das war lange Zeit nicht der Fall.
Ich habe irgendwann gemerkt, dass mein persönliches Unwohlsein zu einem Großteil damit zusammenhängt, dass die gesellschaftlichen rassistischen Zustände keinen unwesentlichen Beitrag dazu geleistet haben und es war eine Erkenntnis, die mich persönlich zum Handeln getrieben hat. Autor*innen wie May Ayim, die ich in meiner Abschlussarbeit zu Rate gezogen habe und die den Grundstein meiner Arbeit gelegt hat, bin ich für die wahnsinnig klugen, reflektierten und kritischen Gedanken über anhaltenden Rassismus in Deutschland unendlich dankbar. Denn: Nichts ist (für mich) schlimmer als ein diffuses Gefühl über die eigene Existenz innerhalb einer Gesellschaft.
Die Auseinandersetzung mit Autor*innen wie Ayim, Crenshaw, Joseph und weiteren Schwarzen Feministinnen haben mein Bewusstsein für mehrfache Diskriminierungsmomente geschärft. Zu merken, dass man nicht nur Frau ist, nicht nur Schwarz ist, sondern Schwarz und eine Frau in einer weißen Mehrheitsgesellschaft ist, kann – da muss ich ganz ehrlich sein -auch extrem beklemmend, traurig und wütend machen.
Die Schwarzen Frauen, mit denen ich bislang gesprochen habe, bestätigen mir dieses Gefühl von „anders und mittendrin“. Aber was bleibt dann, ist die Frage, die ich mir immer wieder stelle. Was mache ich aus den Erkenntnismomenten. Oft lähmen sie mich und noch viel öfter und das ist das Entscheidende treiben sie mich zum Handeln.
Denn für mich ist klar: Es gibt keine Alternative. Eine Alternative wäre ein Ausweg, ein Plan B. Aber aus dieser Gesellschaft heraus gibt es keinen Plan B. Es gibt nur diese eine Gesellschaft.
Und deshalb handle ich und deshalb kämpfe ich für die Sichtbarkeit von Menschen, die sonst übersehen werden. Für all jene, die dasselbe durchmachen müssen.
Die Frage von Sichtbarkeit innerhalb einer Gesellschaft ist in einer Demokratie entscheidend. Wer nicht gesehen wird, wird nicht gehört und wird auch nicht vertreten.
Und deshalb – noch einmal – bin ich den Frauen dieser Schwarzen Frauenbewegung dankbar, allen voran May Ayim, die bereits in den 80ern für die Sichtbarkeit Schwarzen Lebens in Deutschland gekämpft haben.
Weil sie für Menschen wie mich den Weg geebnet haben und knapp 40 Jahre später hoffe ich, dass ich dasselbe für meine und nachfolgende Generationen auch tun kann. Denn sie, denn wir – verdienen es gehört zu werden.
Vielen Dank!

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