Rede

Titelverleihung „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ an der Erich Kästner Gemeinschaftsschule Elmshorn

Hier könnt ihr euch einen Artikel vom SHZ durchlesen.
Ich bin nun Patin an der Erich Kästner Gemeinschaftsschule in Elmshorn.
Meine Rede dazu:

 

„Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrerinnen und Lehrer,
ich habe mich total gefreut, dass ihr mich gefragt habt, ob ich Patin für eure Schule, der Erich Kästner Gemeinschaftsschule Elmshorn, sein möchte.
Das tue ich natürlich gerne und ich sage euch auch warum.
Das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ hat schon mich damals bewegt, als ich zur Schule gegangen bin. Ich war damals 2009 – 2011 an meiner Schule, der Gesamtschule Faldera in der Schüler*innenvertretung und habe mich dafür eingesetzt, dass dieses Projekt an meine Schule kommt.
Aber damit ihr überhaupt eine Ahnung davon habt, wer da zu euch spricht:
Ich bin Aminata Touré und Landtagsabgeordnete bei den Grünen und Vizepräsidentin des Landtages. Ich bin unter anderem für das Thema Antirassismus in meiner Fraktion zuständig und ich sage euch, dass es meiner Meinung nach eines der wichtigsten Themen ist.
Wieso?
Weil es bei Antirassismus darum geht, dass jede Person und zwar unabhängig von ihrem Aussehen, ihrer Religion und Herkunft die gleichen Rechte und die gleiche Wertschätzung erfahren muss.
Das ist nicht nur einfach so meine Meinung, sondern steht in unserem Grundgesetz. Das steht so in der Charta der Menschenrechte.
Was heißt das?
Was mir immer wieder auffällt, ist, dass viele Menschen gar nicht genau wissen, was heißt „Rassismus“ eigentlich?
Und vielleicht geht es einigen von euch genauso. Deshalb möchte ich erst einmal erklären, was Rassismus eigentlich ist.
Ganz viele denken immer, dass Rassismus etwas Gefühltes ist.
Also, dass einige sich einfach nur anstellen und es doch nicht so schlimm ist, wenn man ein rassistisches Wort sagt.
Nehmt mich als Beispiel.
Ich habe immer Rassismus erfahren und tue es bis heute. Weil Menschen der Meinung sind, dass sie mich beleidigen können, weil ihnen meine Schwarze Hautfarbe nicht passt. Das ist aber nichts, was nur ich „Aminata“ erlebe, sondern richtig viele Menschen, die auch Schwarz sind und in Deutschland leben und aufgewachsen sind. Das ist nicht in Ordnung.
Viele Menschen erleben Rassismus, weil sie muslimisch sind. Einige tragen zum Beispiel ein Kopftuch und das ist ihr gutes Recht. Daraufhin werden sie beleidigt oder auch angegriffen.
Andere wiederrum erleben Ausgrenzung, weil sie nach Außen tragen, dass sie jüdisch sind. Durch eine Kippa.
Dann gibt es Menschen, die diskriminiert werden, weil sie nicht Jana heißen, sondern Mohammed.
Und es gibt Situationen, in denen man zum Beispiel eine Wohnung nicht bekommt. Ist mir passiert. Ein Vermieter wollte mich nicht einziehen lassen, weil er keine Personen, die Schwarz sind, dort leben lassen wollte.
Und einige sagen dann: „ Ja, vielleicht hat der Vermieter ja schlechte Erfahrung mit Schwarzen menschen gemacht.“
Das ist der Inbegriff von Rassismus.
Weil man eine schlecht Erfahrung mit einer Person aus einer Gruppe gemacht hat, überträgt man es auf alle.
Denkt mal drüber nach. Ich nehme als Beispiel Lukas.
Lukas, ist weiß, 18 Jahre alt, hier geboren und hat zwei Elternteile, die weiß und deutsch sind und baut viel Scheiße.
Wenn Lukas Scheiße baut, sagt man, Lukas – hör auf Scheiße zu bauen und das ist nicht in Ordnung. Dafür wird aber nicht Lasse, auch weiß und 19 Jahre, auch beide Elternteile weiß und deutsch verantwortlich gemacht.
Wenn Esat, 16, Eltern kommen aus Syrien, dunkler als Lukas, Scheiße baut und dann gesagt wird, so sind sie eben, die Flüchtlinge und dann auch noch gesagt wird, ja und Aygül, Aminata, Beytullah und Merve sind genauso und werden bestimmt auch immer Scheiße bauen, dann sprechen wir davon, dass man auf Grund der Herkunft, auf Grund des Aussehens rassistische Zuschreibungen macht, die mit dem Individuum nichts zu tun hat.
Lukas wird als Individuum gesehen. Esat, Aminata, Beytullah und Merve nicht. Sie sind „anders“ gehören zu einer Gruppe.
Obwohl vielleicht Lukas und Merve mehr mit einander gemeinsam haben, weil sie beide gerne Fußball spielen und befreundet sind, als Esat, Aminata, Beytullah und Merve.
Ganz oft wollen Leute dann Beispiele hören: Erzähl doch mal, was du immer so erlebst. Und da sage ich: „Ganz ehrlich: Hättest du Lust immer wieder zu erzählen, wie oft dich Menschen beleidigen?“ Ich glaube nicht. Ich habe eben gerade einige Beispiele genannt. Aber erwartet nicht von Menschen, die Rassismus erfahren, dass sie euch immer wieder erzählen, welche Beleidigungen und welche Diskriminierungen sie erlebt haben. Das ist unfair und führt dazu, dass man wieder durchleben muss, was man einem bösartiges gesagt worden ist.
Glaubt es ihnen schlichtweg, weil ganz viele Menschen das erleben. Und das ist kein Gefühl, sondern es gibt wissenschaftliche Studien, die genau das mit Zahlen hinterlegen.
Fragt doch mal nach, ob ihr im Unterricht über die Mitte Studie aus Leipzig oder andere Studien sprechen könnt. Dort wird festgehalten, wie die Einstellungen in Deutschland sind in Bezug auf Diskriminierung und die Zahlen sind leider erschreckend.
Rassismus heißt neben Beleidigungen erfahren, eben auch, dass man schlechtere Chancen hat, wenn man einen Job sucht, wenn man eine Wohnung sucht, in der Schule, in der Ausbildung, auf der Arbeit und an vielen anderen Orten.
Vielleicht habt ihr schon mal von Rassismus auf struktureller und institutioneller Ebene gehört. Was heißt das?
Es gibt verschiedene Institutionen, wie die Polizei, Gerichte, Behörden oder auch Schulen. Es handelt sich hierbei um staatliche Einrichtungen, mit denen wir im Laufe unseres Lebens zwangsweise in Berührung kommen. Diese Institutionen sollten bestenfalls frei von Rassismus sein, damit alle Menschen in diesen Institutionen gleich behandelt werden und die gleichen Chancen haben.
Wenn rassistische Diskriminierungen, also Schlechterbehandlungen aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, immer und immer wieder passieren, dann hat man es mit einem strukturellen Problem zu tun, mit strukturellem Rassismus.
Das Projekt betrifft aber nicht nur euch Schüler*innen. Nur zusammen mit euren Lehrern und Lehrerinnen kann das funktionieren. Und auch nur in Zusammenarbeit mit Politik. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass wir auf Landesebene den Bereich mehr in den Lehrplänen behandeln. Dass es eben nicht auf den einzelnen Lehrer oder Lehrerin ankommt, sondern dass alle sich mit diesem Thema auseinandersetzen müssen.
Um ein Beispiel zu nennen:
Rassismus gegenüber Schwarzen Menschen hat ihren Ursprung in der kolonialen Vergangenheit, nicht nur Europas, sondern eben auch in der Kolonialgeschichte Deutschlands. Dass dieses Thema häufig nur als Randerscheinung in der Schule behandelt wird, finde ich höchstproblematisch.
Als Patin der Erich Kästner Gemeinschaftsschule, einer „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ wünsche ich mir, dass ihr euch intensiv mit dem Thema auseinandersetzt. Der Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ heißt nicht, dass es keinen Rassismus bei euch gibt. Der Titel bedeutet, dass ihr euch dazu verpflichtet, dass ihr aktiv etwas dagegen unternehmt, wenn Rassismus hier an der Schule stattfindet. Es heißt, dass ihr euch regelmäßig dafür einsetzt, dass Veranstaltungen zu dem Thema stattfinden. Dass ihr euch Menschen einladet, die Ahnung von dem Thema haben und euch erklären, wie ihr damit umgehen könnt.
Zu Beginn habe ich von Grund- und Menschenrechten gesprochen.
Darum geht es, wenn wir darüber sprechen, dass man ein Recht darauf hat frei von Rassismus zu leben.
Das wünsche ich mir für diese Schule, dass man sich damit auseinandersetzt und gemeinsam dafür kämpft und ich bin mir sicher, dass ihr das tun werden und das möchte ich gemeinsam mit euch in den nächsten Jahren tun!
Danke!“

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