Im Wahlkreis Neumünster

Rede bei „Schleswig-Holstein spricht…über Rassismus“

Heute war ich bei der Veranstaltung „Schleswig-Holstein spricht…über Rassismus“ von AWO Interkulturell in meinem Wahlkreis Neumünster und habe dort ein Grußwort gehalten. Neben verschiedenen anderen Grußworten und einem Input zum Thema Rassismus, gab es auch noch ein Speeddating. Danke für die Einladung. Es hat Spaß gemacht, in diesen Zeiten mal wieder eine Rede vor „echten Menschen“ und nicht vor dem Computer zu halten!

 

Liebe alle,
ich freue mich total, heute mal wieder bei einer Veranstaltung zu sein, bei der man tatsächlich vor echten Menschen steht und nicht auf den Computerbildschirm starrt. Und dann auch noch in meinem Wahlkreis und meiner Heimatstadt Neumünster – sehr schön!
Ich freue mich auch besonders, heute mal wieder an einer Schule unterwegs zu sein. Warum? Weil mich das Thema Rassismus damals als Schülerin schon sehr bewegt hat. An meiner Schule, der Gesamtschule Faldera war ich in der Schüler*innenvertretung. Und dort haben wir uns dafür eingesetzt, dass unsere Schule beim Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ mitmacht.
Wer steht hier überhaupt vor euch und Ihnen? Ich bin Aminata Touré, ich bin Landtagsabgeordnete für die Grünen und Landtagsvizepräsidentin. In meiner Fraktion bin ich für viele verschiedene Themen zuständig. Eins davon ist Antirassismus, also der Kampf gegen Rassismus.
Meiner Meinung nach ist dieses Thema eines der Wichtigsten überhaupt. Wieso? Weil es bei Antirassismus darum geht, dass jede Person, und zwar unabhängig von ihrem Aussehen, ihrer Religion und ihrer Herkunft die gleichen Rechte und die gleiche Wertschätzung erfahren muss.
Das ist nicht nur einfach meine Meinung, sondern steht in unserem Grundgesetz. Das steht so in der Charta der Menschenrechte.
Deswegen finde ich es auch so wichtig, dass es überall Expert*innen für dieses Thema gibt, zum Beispiel in der Politik. So wie mich als Sprecherin für Antirassismus in der Landtagsfraktion der Grünen.
Wir haben nämlich das Problem, dass Rassismus selten benannt wird. Dass es Rassismus überall in unserer Gesellschaft gibt, wird leider oft ignoriert oder geleugnet. Und das, obwohl es Studien gibt, die beweisen, dass Rassismus ein großes Problem in unserer Gesellschaft ist.
Googelt doch mal die Leipziger Mitte Studie oder fragt, ob ihr  im Unterricht darüber sprechen könnt. Es gibt auch immer wieder Menschen, die von ihren Diskriminierungserfahrungen berichten. 2018 haben das zum Beispiel Menschen mit dem Hashtag #MeTwo bei Twitter gemacht oder sucht mal nach dem Instagram-Account „Was ihr nicht seht“.
Ich will sagen, Rassismus ist nicht einfach nur so ein Gefühl von „irgendwas ist ungerecht“. Rassismus ist auch kein einzelnes Erlebnis, was ganz selten mal vorkommt. Es geht um Fakten und Erfahrungen, die sehr viele Menschen immer wieder machen.
Das nicht aussprechen zu wollen, ändert daran nichts. Es muss endlich normal werden, Rassismus als Problem in unserer Gesellschaft zu benennen. Ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen und ohne dafür einen Shitstorm zu ernten.
Deshalb brauchen wir Menschen in der Politik, die dazu gezielt arbeiten.
Wir Politiker*innen müssen handeln. Wir haben eine Verantwortung gegenüber allen Menschen, die in diesem Land leben. Und dazu gehört auch, dafür zu sorgen, dass Menschen ihr Recht auf ein diskriminierungsfreies Leben tatsächlich zugestanden wird.
Wir haben unser Grundgesetz und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Außerdem gibt es in Deutschland noch das Antidiskriminierungsgesetz. Eigentlich haben wir alles, was wir brauchen. Eigentlich dürfte Rassismus gar nicht mehr existieren. Tut er aber. Und deshalb müssen wir als Politiker*innen eben weitere Maßnahmen ergreifen.
In meiner Partei, bei den Grünen haben wir damit angefangen. Wir haben eine Arbeitsgruppe, die AG Vielfalt gegründet. In dieser AG arbeiten Grüne Parteimitglieder aus ganz Deutschland. Gemeinsam arbeiten wir dort an Ideen, um unsere Partei vielfältiger zu machen. Wir wollen es schaffen, dass in unserer Partei unterschiedliche Menschen erfolgreich sein können und mitarbeiten können. Zum Beispiel Menschen, die eine Migrationsgeschichte haben oder Menschen, die eine Behinderung haben oder Menschen, die nicht so eine hohe Bildung haben.
Hier in Schleswig-Holstein sind wir als Grüne gemeinsam mit der FDP und der CDU in der Regierung. Und wir gehen als Koalition einen ganz wichtigen Schritt. Wir haben nämlich einen Aktionsplan gegen Rassismus auf den Weg gebracht. Das bedeutet, dass gerade alle Ministerien Vorschläge machen müssen, wie sie in ihren Bereichen Rassismus bekämpfen. Vorschläge, wie zum Beispiel Fortbildungen für Polizistinnen und Polizisten oder dass in der Schule mehr darüber gesprochen wird, wie auch Deutschland Menschen in Afrika versklavt hat. Die Folgen davon sind nämlich bis heute spürbar. Ihr habt es mitbekommen, dass es weltweit Black Lives Matter Demos gab, da wo explizit antischwarzer Rassismus angeprangert worden ist.  Am Ende werden wir als Landtagsabgeordnete auch noch unseren Beitrag zu dem Aktionsplan leisten. Ich bin schon sehr gespannt auf das Ergebnis.
Im August haben wir im Landtag außerdem beschlossen, dass sich die Landesregierung dafür einsetzt, den Begriff „Rasse“ im Grundgesetz zu ersetzen. Was bedeutet das?
Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Naziverbrechen wurde unser Grundgesetz geschrieben. Artikel drei des Grundgesetzes sollte dafür sorgen, dass sich diese Verbrechen niemals wiederholen. Der Artikel soll vor Diskriminierung schützen.
Er lautet: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“
Wo ist jetzt das Problem? Das Problem ist, dass es keine Menschenrassen gibt. Wir haben zwar unterschiedlichen Haut- und Haarfarben. Es gibt aber keine unterschiedlichen Menschenrassen. Diese vermeintlichen Rassen wurden nur erfunden, um Rassismus überhaupt zu rechtfertigen. Im 19. Jahrhundert haben Menschen in Europa unterschiedliche Menschenrassen erfunden, um eine Ausrede zu haben, afrikanische Menschen zu versklaven.
Ihre Ausrede war es, dass Schwarze Menschen angeblich weniger wert sind, als weiße Menschen. Das ist natürlich falsch, wie wir alle wissen.
Worauf möchte ich hinaus? Artikel Drei im Grundgesetz soll vor Rassismus schützen. Man benutzt in Artikel Drei aber einen rassistischen Begriff, nämlich den Rassebegriff. Das macht für uns keinen Sinn! Deshalb möchten wir, dass ein anderer Begriff gefunden wird. Was uns dabei ganz wichtig ist: Der Sinn von Paragraf Drei im Grundgesetz, der Schutz vor Diskriminierung, darf nicht geschwächt werden.
All das sind Vorschläge, die wir als Politiker*innen haben, um Rassismus zu bekämpfen.
Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass es nicht nur in der Politik, sondern in allen Bereichen Expert*innen für das Thema Antirassismus gibt. Zum Beispiel in großen Unternehmen, bei Fernsehsendern und Zeitungen, in Kirchen, bei der Polizei und und und. Nur so können wir es schaffen, dass sich auch wirklich etwas ändert und dass wir alle verlernen, wie man rassistisch ist.
So eine Veranstaltung, wie diese hier, finde ich deswegen total super. So eine Dialogveranstaltung gibt uns die Möglichkeit, etwas über Rassismus zu lernen und gemeinsam über das Thema zu sprechen.
Bitte respektiert jedoch Grenzen. Wenn man selbst von Rassismus betroffen ist, möchte man vielleicht an irgendeinem Punkt nicht weiter darüber sprechen. Respektiert das und hakt dann nicht nach.
Ganz oft wollen Leute Beispiele hören: „Erzähl doch mal, was du immer so erlebst.“ Und da sage ich: „Ganz ehrlich: Hättest du Lust, immer wieder zu erzählen, wie oft dich Menschen beleidigen?“ Ich glaube nicht.
Also erwartet von Menschen, die Rassismus erfahren, nicht, dass sie euch immer wieder erzählen, welche Beleidigungen und welche Diskriminierungen sie erlebt haben. Das ist unfair und führt dazu, dass man wieder durchleben muss, was man einem Bösartiges gesagt worden ist. Glaubt es Menschen schlichtweg, weil ganz viele Menschen das erleben.
Es gibt ganz viele Bücher, Podcasts und Social Media Accounts, bei denen man viel über das Thema lernen kann. Zwei Beispiele sind „exit racism“ von Tupoka Ogette oder „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten“ von Alice Hasters. Die beiden Bücher gibt es auch bei Spotify als Hörbücher. In meinen Story Highlights bei Instagram könnt ihr auch viele weitere Büchertipps finden.
Jetzt wünsche ich euch und Ihnen aber erst mal viel Spaß bei der Veranstaltung.
Vielen Dank.