Parlament

Schwarze Akteur*innen bei der Aufarbeitung von Kolonialismus einbinden

Der SSW hat eine große Anfrage zur Aufarbeitung der Europäischen und Deutschen Kolonialgeschichte in Schleswig-Holstein gestellt, die ihr euch hier durchlesen könnt.
Hier könnt ihr euch meine Rede anschauen.
Meine Rede im Wortlaut:
Sehr geehrte Frau Präsidentin,
liebe Kolleg*innen,
die aktuelle Debatte um Rassismus in Deutschland kann man nicht begreifen, wenn man nicht um die kolonialen Verbrechen Deutschlands weiß. Die Debatte um antischwarzen Rassismus ist so oberflächlich, weil wir so wenig Allgemeinwissen darüber haben. Eine Debatte um Kolonialismus kann man nur führen, wenn benannt wird, wer unter diesen unmenschlichen Verbrechen gelitten hat und bis heute die Auswirkungen dessen spürt – Schwarze Menschen.
Um zu begreifen, dass es sich um eine Ideologie handelt, die wissenschaftlich auch hier in Deutschland vorbereitet worden ist, müssen wir zurück blicken. Dass es eben nicht nur um einen rassistischen Moment geht, sondern um koloniale Verbrechen und die Kontinuitäten, die bis ins Heute wirken. Das ist die Kerndebatte, die wir führen müssen. Deshalb bin ich froh, dass der SSW mit seiner Großen Anfrage hier eine Debatte losgetreten hat.
Die Mär von „Deutschland war nur kurz Kolonialmacht und im Vergleich zu zum Beispiel Großbritannien harmlos“ muss raus aus den Schulen. Das ist eine Verharmlosung. Denn es verkennt schlichtweg, dass Deutschland sich an unmenschlichen Verbrechen beteiligt hat. 30 Jahre deutsche Beteiligung ist für mich persönlich keine kurze Zeit.
Mit der deutschen Ausbeutung des afrikanischen Kontinents fing auch die Suche nach evolutionstheoretischen Gründen für die Unterordnung Schwarzer Menschen innerhalb des menschlichen Geschlechts an. Eine pseudowissenschaftliche Basis dafür schafften unter anderem Kant, Hegel und Winckelmann.
In dieser vermeintlich kurzen Zeit von 30 Jahren hatte Deutschland Kolonien im heutigen Togo, Kamerun, Tansania und Namibia. Schwarze Menschen wurden entmenschlicht, getötet und versklavt. Weiße Europäer*innen verstanden sich als Kulturvölker und Afrikaner*innen als kulturlos und demnach als Naturvolk.
Von 1904 bis 1908 wurde der Völkermord an den Herero und Namas begangen. In dieser vermeintlich kurzen Zeit wurde eine Rassenideologie verfestigt, um zu legitimieren, was man für Verbrechen beging. Die Geschichte geht weiter und führt uns in den Nationalsozialismus, wo Schwarze Deutsche ihre Staatsbürgerschaft entzogen bekamen und in Konzentrationslagern getötet wurden. Anti-Schwarze Gesetzgebung ging auch über diese Zeit hinaus.
Wieso lesen wir in Schulen nicht Bücher wie „Farbe bekennen – Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ von May Ayim und Katharina Oguntoye? Wieso lesen wir in Schulen nicht Bücher wie „Deutsch sein und schwarz dazu. Erinnerungen eines Afro-Deutschen.“ von Theodor Michael Wonja, Zeitzeuge des Nationalsozialismus? Dort lernen wir all das und beginnen zu begreifen.
Im Aktionsplan gegen Rassismus muss für den Bildungsbereich als Ziel formuliert sein, dass das Bildungsmaterial ausreichend das Thema Kolonialismus beinhaltet, um Rassismus und stereotypen Zuschreibungen vorzubeugen und entgegenzuwirken. Dem vorgelagert muss die inhaltlich tiefgehende Ausbildung während des Studiums für Lehrer*innen stattfinden. Es muss Forschungsprojekte dazu geben, sowie Denkmäler für die Opfer der Kolonialzeit. So fordern es auch die Vereinten Nationen im Rahmen der UN DEKADE für Menschen afrikanischer Abstammung weltweit. Im Bundesland Berlin gibt es schon parlamentarische Beschlüsse dazu, dass man sich seiner kolonialen Verantwortung stellen möchte. Das sollten wir hier auch tun.
Mit Robert Habeck habe ich unter anderem gefordert, dass der Begriff „Rasse“ aus dem Grundgesetz ersetzt werden soll, mit zum Beispiel „rassistische Zuschreibung“, weil es eben keine unterschiedlichen menschlichen Rassen gibt. Es gibt viel Zuspruch. Von der Kanzlerin, über den Bundesinnenminister, der Integrationsbeauftragten, der Bundesjustizministerin, der Bundestagsfraktionen der Grünen, FDP und SPD bis hin zu den Linken.
Ich habe auch einen verwirrenden Artikel gelesen, in dem viele CDUler und gerade die Bundestagsfraktion sich dagegen aussprechen, weil der Begriff Rasse zwar inhaltlich falsch sei, aber man irgendwie trotzdem gegen die Ersetzung sei. Verstehe ich ehrlich gesagt nicht wirklich, aber nun gut. Die Debatte läuft nun im Bundestag und ich bin gespannt, wie sie sich entwickeln wird. Es wird natürlich auch interessant sein, wie wir uns hier in Schleswig-Holstein positionieren werden. Ich hoffe, dass wir uns für eine Ersetzung des Begriffes einsetzen und dass ich Ihre Unterstützung dafür habe.
Wir müssen weg von den Debatten, Menschen nach ihren persönlichen Rassismuserfahrungen auszuquetschen. Die Verantwortung, Rassismus zu verstehen, ihn im Kontext von historischen Kapiteln unseres Landes zu begreifen, wird nicht gelöst durch das Einfordern, traumatische Erlebnisse zum Verständnis der Mehrheit darzustellen.
Um Kolonialismus aufzuarbeiten, muss man mit Schwarzen Akteur*innen zusammenarbeiten. Die Liste in der Großen Anfrage hat gerade einmal eine Schwarze Organisation aus Schleswig-Holstein beinhaltet. Fragen Sie mich. Ich bin im Austausch mit Schwarzen Expert*innen und Organisationen hier in Schleswig-Holstein und bundesweit.
Abschließend: Es ist wichtig, dass wir über die Verbrechen während des Kolonialismus gegenüber Schwarzen Menschen sprechen. Es ist aber auch wichtig, über Schwarzes Leben heute in Deutschland und in Schleswig-Holstein zu sprechen und sichtbar zu machen. Wir sind Teil der Gesellschaft und wir sind hier.