Rede

Rede zum Semesterstart bei OpenCampus

Liebe Alle,
als ich 2011 meinen Bachelor in Politik und Französisch hier an der Uni angefangen habe, war die Begrüßungsrede, die ich mir von einem Dozent angehört habe, ziemlich demotivierend. Und ich fand es ehrlich gesagt nicht das Logischste, alle Schreckensszenarien aufgezeigt zu bekommen.
Ich meine, wenn man sich dazu entscheidet Geisteswissenschaften zu studieren, hört man als erstes „viel Spaß beim Taxifahren“. Diese Aussage finde ich auf so vielen Ebenen daneben und auch Taxifahrer*innen gegenüber despektierlich, aber das ist eine andere Geschichte.
Viele der Inhalte, die der Dozent vermittelt hat, könnte ich heute nicht mehr rezitieren, aber das ist hängen geblieben.
Viele Freund*innen haben mir aber auch von ähnlichen Begrüßungen berichtet, die ganz andere Fächer studiert haben – sei es Wirtschaft, Jura oder was auch immer.
Ich hab mich gefragt, warum macht man das? Und wenn du selbst mal eine Begrüßungsrede hältst, was würdest du sagen? Was hättest du selbst gerne gehört?
Ich glaube, dass ich als erstes gerne gehört hätte, dass die Erwartungshaltung, mit der ich an die Uni gekommen bin, nicht als erstes gedämpft wird.
Für mich war es ein unglaubliches Privileg an die Uni zu kommen.
In der Schule haben meine Lehrer*innen mir immer den Eindruck vermittelt, dass das der Ort sein wird, an dem ich meine Stärken und mein Können verfestigen werde. Ich werde die Zeit haben, um meinen Wissensschatz aufzubauen. Es wird der Ort sein, an dem ich mich bereit machen werde für die „Welt da draußen“.
Ich werde Tausend Bücher lesen und letzten Endes genau den Bereich für mich entdecken, in dem ich später arbeiten möchte, aber noch viel mehr als das, ich werde Werkzeug an die Hand bekommen, mit dem ich kritisch Denken lernen werde. UND dieses kritische Denken für die sogenannte „Welt da draußen“ anwenden.
Aber eigentlich sollte ich vor allem darüber berichten, woher ich komme, wie ich mich dazu entschieden habe Politik zu machen:
Ich bin Aminata Touré, 25 Jahre alt und der Weg, den ich gegangen bin, war vor 25 Jahren alles andere als selbstverständlich.
Meine Eltern sind vor 25 Jahren von Mali nach Deutschland geflohen, weil die politischen Zustände damals desolat waren.
Meine Mutter war mit mir schwanger als sie hier angekommen ist. Die ersten 5 Jahre haben meine beiden älteren Schwestern, meine Eltern und ich in Neumünster in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt. Für mich war es völlig normal, dass es im Keller Gemeinschaftsduschen gibt und habe erst Jahre später in der Grundschule gemerkt, dass meine weißen deutschen Freund*innen nicht im Keller geduscht haben.
Meine Eltern haben Jura und Wirtschaftswissenschaften studiert, bevor sie geflohen sind. Beide selbst unter schwierigen Umständen aufgewachsen, hat sich ihr Leben nicht vereinfacht und sie haben sich auf die Flucht begeben. Ihre Abschlüsse wurden nie anerkannt. Bis heute.
Bis zu meinem 12. Lebensjahr war es nicht sicher, ob wir in Deutschland bleiben können. Alle halbe Jahre haben wir eine Aufenthaltserlaubnis für ein weiteres halbes Jahr bekommen. Als ich 12 Jahre alt war, haben meine inzwischen drei Schwestern, meine Eltern und ich die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen.
Ab diesem Zeitpunkt bin ich nicht mehr mit Angst zur Schule gegangen, in meine vermeintliche Heimat Mali zurück kehren zu müssen, die ich niemals in den, bis dahin vergangenen 12 Jahren sehen durfte, da wir Deutschland nicht verlassen durften.
Nach diesem Moment wollte ich nie wieder etwas über Flucht, Asylantrag, Ausländerbehörden oder Duldung hören. Nie wieder.
Nachdem ich in Neumünster mein Abitur gemacht habe, bin ich nach Kiel gezogen und habe hier Politikwissenschaft und Frz. Philologie studiert. Ich hab mir dieses Studium ausgesucht, weil ich Politik immer spannend fand. Immer das Gefühl hatte, es müssten eigentlich viele andere politische Entscheidungen getroffen werden.
In meinen ersten Semesterferien im Frühjahr 2012 habe ich direkt gemerkt, dass das theoretische Studium der Politik zwar spannend ist, ich aber nur einen Rundumschlag bekomme, wenn ich einen Einblick in die Praxis bekomme. Deshalb habe ich mich dann doch entschieden ein Praktikum beim Flüchtlingsbeauftragten des Landes SH zu machen.
Als ich dort realisiert habe, dass es so viele Zustände in der Flüchtlingspolitik nach wie vor so schwierig sind, wie ich sie damals mit meiner Familie erlebt habe, dachte ich, du musst etwas tun.
Deshalb habe ich mir mehrere Parteien angeguckt und mich dann anhand der Grundsatzprogrammatik für Bündnis 90/ Die Grünen entschieden. Weil es mir wichtig war, dass die Bedeutung der Menschenrechte und Klimapolitik im selben Maße Beachtung findet.
Ich habe dort dann angefangen mich immer mehr politisch einzubringen. Habe Sprecher*innenposten übernommen. In der Grünen Jugend Kiel für ein Jahr, als Sprecherin für die Landesarbeitsgemeinschaft Migration und Flucht. Im Zuge dessen habe ich dann Luise Amtsberg kennengelernt, flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen Bundestagsfraktion. Habe hier in Kiel ihr regionales Büro als studentische Hilfskraft gearbeitet 2014 und als eine wissenschaftliche Stelle in ihrem Berliner Büro frei wurde im Frühjahr 2015, hat sie mich gefragt, ob ich das gerne machen würde. Das habe ich getan und war dann persönliche Referentin sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin. Zeitgleich habe ich meinen Bachelor aus Berlin heraus fertig gemacht und bin zwischen Kiel und Berlin gependelt.
2016 habe ich für den Landesvorstand in Schleswig-Holstein kandidiert als Beisitzerin und war das bis zu meiner Wahl als Abgeordnete in den schleswig-holsteinischen Landtag Teil des Vorstandes.
2017 standen die Landtagswahlen an und ich habe mir die Frage gestellt, ob ich kandidieren sollte oder nicht. Parteiintern den Prozess zu durchlaufen ist nicht nur leicht. Einen Anspruch zu erheben und zu sagen, ich kann mir das vorstellen mit 24 Jahren, ist eine Ansage.
Ich hab mich dafür entschieden es zu tun. Durchaus mit Respekt und Demut vor der Aufgabe, aber mit der Entschlossenheit, dass es im Jahre 2017 dann die erste Schwarze Abgeordnete geben würde in SH. Ich wusste, dass es auch bedeuten würde, dass ich nicht nur die erste Schwarze Abgeordnete werden würde, sondern auch die jüngste Abgeordnete. Nach der Wahl stellte sich auch noch heraus zu den lediglich 30% weiblichen Abgeordneten.
Warum betone ich das Ganze? Weil es wichtig ist, wer Politik macht und Politik sich verändert, wenn die unterschiedlichsten Menschen mit am Tisch sitzen und über gesamtgesellschaftlichen Prozesse entscheiden. Und ich hatte das Gefühl, dass es an der Zeit ist, dass auch Menschen mit Fluchthintergrund, Schwarze Menschen, die es in Deutschland seit über 400 Jahren gibt, aber grundsätzlich nicht in politische Prozesse eingebunden werden müssen. Und ich hatte das Gefühl, dass es bei einem Durchschnittsalter von 55 Jahren im Landtag gut sein könnte, wenn auch der junge Teil der Gesellschaft represäntiert wird.
In einer meiner ersten Politikvorlesungen hatten wir auch Menschen, die über ihren eigenen Werdegang berichtet haben. Das kann einerseits motivieren und andererseits demotivieren.
Die Biografien anderer Menschen als Blaupause für das eigene Leben zu nutzen, kann helfen und kann genauso sehr nicht helfen.
Was ich aber definitiv beobachten konnte, ist, dass es am Ende des Tages völlig egal ist, wofür man sich entscheidet. Die Frage ist, wofür kämpft man gerne, was motiviert einen, was ist es wofür man gerne morgens aus dem Bett aufsteht. Und das kann man in der Vielfalt der Dinge, die man machen kann, als einzelner Mensch überhaupt nicht abdecken.
Open Campus ist ein Ort, an dem man genau die Möglichkeit hat sich in seiner Kreativität zu entfalten. Ein Ort, an dem Studierende, junge Menschen ihren Träumen nachgehen.
Studienbeginn, Berufseinstieg, wo will man selbst hin.
All das passiert nicht in einem luftleeren Raum. Es passiert in mitten von gesellschaftspolitischen Strukturen.
Egal, welchen Studiengang ihr nun ausgewählt habt. Ob nun Geisteswissenschaft, Jura, Wirtschaftswissenschaften, Kunst, was auch immer.
Wir tragen eine riesen Verantwortung. Wir, die wir zur Universität gehen und die Möglichkeit und die Chance haben den höchsten Bildungsstand zu bekommen. Nicht weil wir als Studierende oder studierte besser sind. Oder weil wir klüger sind oder einfach die Auserwählten sind.
Nein, weil wir die Möglichkeit und Chance haben zu studieren. Einige von euch werden sich das hart erkämpft haben nun auch studieren zu können. Für andere war es schlichtweg die logische Konsequenz mit dem Background, den sie haben. Egal, wie ihr hier her gekommen seid, eins eint uns, das Privileg zu haben, studieren zu dürfen.
Universität ist nicht nur der Ort, an dem wir für uns selbst das Beste rauskämpfen. Wir kriegen hier das Handwerkszeug, um letzten Endes rauszugehen und dann Teil in einem demokratischen System sind. Und das völlig losgelöst von der Frage, in welcher Funktion man sein wird. Ob man nun selbst politisch aktiv wird, ob man in einem Unternehmen arbeitet oder ob man selbst sein Start-Up gründet.
Zum Schluss möchte ich folgendes sagen.
Ich hätte mir also in meiner Begrüßungsrede auch sehr stark gewünscht, dass man mir sagt, welche Verantwortung man trägt. Welche Möglichkeiten einem offen stehen.
Und wir tragen eine riesen Verantwortung, weil viele von uns rausgehen werden und in wichtigen Schlüsselpositionen sitzen werden. Ob nun in der Politik, in der Wirtschaft, in Kunst, Musik, wo auch immer. Und in der Regel sind das die Positionen, die am meisten darüber entscheiden, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickelt. Weil man eben oftmals das Privileg hat mit am Entscheidungstisch zu sitzen oder einen privilegierten Zugang zu denjenigen hat, die am Entscheidungstisch sitzen. Und solange wir in Strukturen sind, in denen es eben nicht selbstverständlich ist, dass alle gleichermaßen Zugang zu Entscheidungsgremien haben, ist man als jemand, der einen Zugang hat, noch mehr in der Verantwortung andere Menschen mit zu denken, in den Entscheidungsprozessen mit zu berücksichtigen. Denkt das immer mit.

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