Rede

Grußworte Afrikatage

Liebe Gäste,
ich freue mich, dass ich heute eingeladen wurde und die Möglichkeit habe einige Gedanken mit euch und Ihnen zu teilen.
Und beim Schreiben dieser Grußworte ist mir eines deutlich geworden, es geht im Kern um einen zentralen Punkt, den ich hier erörtern möchte:
Welchen Stellenwert hat die afrodiasporische Bewegung in der deutschen und auch europäischen Politik?
Heute ist der 25. Mai und somit ein Tag vor der Europawahl. In den letzten Tagen, Wochen und Monaten wurde im Kern vor allem eines diskutiert: Wer wird in der politischen Debatte ernst und wahrgenommen?
Und von der Fridays for Future Bewegung bis hin zu Youtubern, die ihr Entsetzen über politische Entscheidungen zum Ausdruck bringen, wurde deutlich, dass sich viele politisch nicht vertreten fühlen. Viele den Eindruck haben, dass ihre politischen Belange nicht ernst genug genommen werden.
Und die Frage, die wir uns stellen müssen als Teil der afrodeutschen Community ist, werden wir das? Werden wir ernst und wahrgenommen in unseren Belangen? Werden wir politisch repräsentiert in Inhalt und Person?
Und ich muss immer wieder mit Ernüchterung feststellen, das dem leider nicht so ist.
Es ist aber von elementarer Bedeutung, dass wir gesehen und gehört werden.
Das werden wir nur dann, wenn im politischen Raum deutlich wird, dass es sich bei afrodeutschen oder afrikanischstämmigen Personen auch um eine relevante politische Gruppe handelt.
Unser Ziel als Menschen afrikanischer Abstimmung gehört, gesehen, verstanden und Ernst genommen zu werden, führt zwangsläufig zu der Frage, ob wir an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt sind.
Sich mit politischen Entscheidungstäger*innen auseinanderzusetzen, die die eigene Situation nicht kennen, sie sogar ignorieren, banalisieren und in Zeiten des Rechtsruckes sogar noch stärker absprechen. Ja, sogar aus dem gesellschaftlichen Diskurs raushalten wollen. Das ist schwer. Das ist anstrengend. Das ist zermürbend. Ist enttäuschend, verletzend und diskriminierend.
Wir befinden uns in einer Zeit, in der viele marginalisierte Gruppen über die letzten Jahrzehnte für die Beteiligung an politischen Prozessen gekämpft haben.
Viele kämpfen für  Sichtbarkeit und tun es bis heute noch. Eingeschlossen ihr alle, die ihr heute als Netzwerke, Einzelpersonen, als Akteur*innen da seid.
Einiges wurde gehört, vieles hat sich verändert und wir stehen dennoch am Scheidepunkt, ob all diese Errungenschaften zurückgedreht werden.
Die rechten Entwicklungen, sei es in Europa oder in den USA führen dazu, dass gerade marginalisierte Gruppen vor einer immensen Herausforderung stehen:
Während man für noch mehr Sichtbarkeit, Beteiligung, Gleichberechtigung und der Einbindung in politischen Entscheidungen kämpft, wird unser demokratisches System in Frage gestellt und angegriffen. Das System, das im Kern und in seiner Grundidee allen Menschen Beteiligung verspricht.
Und dann wird oft die Frage gestellt, inwiefern denn eigentlich „andere Fragen“, „andere Themen“ jetzt doch eigentlich wichtiger sind. Ob es nicht viel eher um die Frage des „Systemaufrechterhaltens“ geht.
Wir müssen deutlich machen, dass das Infragestellen von unseren demokratischen Rechten, die Infragestellung unseres demokratischen Systems ist. Nicht mehr und nicht minder.
Es ist eine Mammutsaufgabe und deshalb ist es umso wichtiger jegliche Vernetzung voran zu treiben. Jedes Schwarze Bündnis und jede Schwarze Allianz zu schließen, die voller Kraft und Energie FÜR etwas kämpft.
Wir sind immer in einem Spagat zwischen dem Land, aus dem wir kommen und dem Land, in dem wir leben. Viele von uns verstehen sich als afrikanisch, sind auf dem Mutterkontinent geboren und tragen mit Stolz die Erfahrungen, das Wissen und die kulturellen Schätze mit sich und nach außen.
Andere wiederum verstehen sich als deutsch, sind hier geboren und haben den Mutterkontinent nie gesehen oder nur gelegentlich.
Wieder andere verstehen sich als Schwarze Deutsche, als Afrodeutsche und sehen beide Welten in sich vereint.
Wir sind keine homogene Gruppe, von der man sagen kann, sie will diese eine Sache. Und das ist auch richtig und notwendig. Wir kommen aus den unterschiedlichsten Ländern, mit den unterschiedlichsten Traditionen, Geschichten, Wissen, Kulturen, Riten und Gewohnheiten. Und diese Vielfalt und Diversität gilt es auch immer wieder nach vorne zu stellen, weil sie uns lange Zeit aberkannt wurde. Weil viele vereinfacht von Afrika sprechen, wenn sie über ein konkretes Land sprechen, sich aber nicht die Mühe machen, herauszufinden, welches konkretes sie eigentlich meinen.
Ich weiß, dass viele hier im Raum sitzen, die in Kooperationen mit Ländern auf dem afrikanischen Kontinent zusammenarbeiten. Das ist höchstwahrscheinlich richtig und wichtig.
Was ich für meinen Teil definitiv auch weiß, ist, dass es absolut notwendig und unabdingbar ist, in den Fokus zu nehmen, wie unsere Lebensverhältnisse, wie unser wirtschaften, unser landwirtschaften, wie unsere furchtbaren klimapolitischen Bilanzen katastrophale Auswirkungen auf den Mutterkontinent haben. Das ist für mich eines der größten Handlungsbedarfe, die ich als Teil der Afrodiaspora in Europa als Verantwortung sehe. Hier für politische Rahmenbedingungen zu sorgen, die andere nicht in schlechten Lebensbedingungen leben lassen bis hin zur Flucht treiben.
Ich blicke auf den afrikanischen Kontinent als jemand, der in Europa aufgewachsen und groß geworden und hier lebend nicht so, als wüsste ich von hier aus, wie man am besten dort „vorankommen“ kann. Ich blicke nicht dorthin als ein Kontinent, der ausschließlich auf die Hilfe anderer Kontinente angewiesen ist.
Nein, ich blicke erst einmal auf die Verantwortung, die wir selbst haben, in den Teilen der Welt, die nur so leben können, weil sie in Wohlstand und Frieden leben und das zu oft auf Kosten der Länder des globalen Südens.
Unsere Form der Entwicklungszusammenarbeit, unsere Form der Zusammenarbeit darf und kann immer nur so stattfinden, dass die Expert*innen und das sind in 99% der Fälle die Menschen, die vor Ort leben, massiv eingebunden sind und an Strukturen und Konzepten nicht nur beteiligt sind, sondern vorgeben, was tatsächlich erforderlich ist.
Ich bin seit 2017 Abgeordnete im Schleswig-Holsteinischen Landtag und dort die erste afrikanischstämmige Abgeordnete, die sich als afrodeutsch begreift.
Und seither versuche ich genau diese Themen im politischen Treiben in Schleswig-Holstein und über die Grenzen hinweg deutlich zu machen.
Ich versuche deutlich zu machen – und das kann ich nur gemeinsam mit euch, dass wir Teil dieser Gesellschaft sind, dass wir eine relevante Gruppe sind, wie jede andere gesellschaftliche Gruppe auch und das Recht haben und den Anspruch im politischen Diskurs ernst und wahrgenommen zu werden.
Und ja, es gibt sie, die Parteien, die sich in den vergangenen Jahren unter anderem dafür eingesetzt haben, dass die UN Dekade für Menschen Afrikanischer Abstammung auch in Deutschland Relevanz findet oder wie im März im Europäischem Parlament beschlossen: Die Resolution zu Grundrechten von menschen afrikanischer Herkunft in Europa.
Und deutlich machen, dass wir eine relevante gesellschaftliche Gruppe sind, kann man sehr klar am morgigen Tag, dem Tag der Europawahl, an dem jede Stimme zählt und wir Parteien wählen sollten, die unsere Interessen vertreten.

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