Unterwegs

Rede: Black Lives Matter Demo in Flensburg

Was folgt nach dem Schweigen?
Was folgt nach Solidaritätsbekundungen wie dem #blackouttuesday? Was folgt nach dem Herausheben Schwarzer Aktivist*innen und Schwarzen Akteur*innen? Was folgt nach Demonstrationen wie der heutigen?
Was folgen muss, ist, das Reflektieren des eigenen Handelns, in einer Gesellschaft, die mit Rassismus zu kämpfen hat.
Was folgen muss, ist, Solidarität mit Schwarzen Menschen und Menschen, die Rassismus erfahren über diesen Moment hinaus. Was folgen muss, ist das Zuhören. Das ernsthafte Zuhören, bei dem der erste Reflex nicht das Formulieren einer eigenen Gegenposition ist, sondern bei dem man in sich geht.
Glaubt, was Menschen von Rassismus berichten.
Glaubt, dass sie oftmals unser täglicher Begleiter sind.
Sara und Trish, ihr habt so treffende Worte gefunden für das, was in den letzten Tagen passiert ist. Der Schmerz, die Wut und die Trauer, steckt in uns allen drin. Was es braucht, ist all‘ das in reale Veränderungen zu stecken.
Viele fragen sich, was hat die Tötung von George Floyd mit uns hier in Deutschland zu tun? Die unfassbare Gewalt gegenüber Schwarzen Menschen hat seine Wurzeln im Rassismus. Den haben wir leider auch hier. Hier in Deutschland und auch hier in Schleswig-Holstein.
Deshalb sprechen wir darüber. Deshalb demonstrieren wir heute.
Was entscheidend ist, ist, dass nicht nur Schwarze Menschen einen Impuls der Ungerechtigkeit empfinden, wenn sie Rassismus erleben, sondern auch alle anderen. Wir sind an einem Punkt, an dem es nicht mehr reicht, von sich zu glauben, dass Rassismus nichts mit einem zu tun hat.
Wir sind an einem Punkt, an dem wir diese Frage, „ob es Rassismus tatsächlich gibt“ oder ob Schwarze Menschen schon einmal Rassismus erfahren haben“ überspringen müssen. Verdammt nochmal ja, natürlich erleben wir ihn.
Wir sind an einem Punkt, an dem wir akzeptieren müssen, dass Rassismus keine punktuelle Erfahrung ist. Immer wieder hört man, ich habe als weiße Person auch mal Rassismus erfahren, als ich im Ghanaurlaub war. Ja, du hast vielleicht erlebt, wie es ist, nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft zu sein. Du hast vielleicht auch Vorurteile erlebt. Das ist aber kein Rassismus. Ich drehe die Situation mal um. Stell dir vor, du wirst regelmäßig so angesehen und zwar seit dem du auf der Welt bist und in einem Land lebst, das dein zu Hause ist und du wirst jeden Tag als „Gast“ oder Touristin gesehen. Wirst gefragt, wo du herkommst und wann du gehst.
Du kriegst eine Wohnung nicht, weil du Schwarz bist. Du wirst öfter kontrolliert, weil du Schwarz bist. Wirst beleidigt, weil du Schwarz bist. Wirst körperlich angegangen, weil du Schwarz bist.
Rassismus ist keine punktuelle Erfahrung. Sie ist die Summe aller Erfahrungen, die man immer und immer wieder macht. Sie ist die Summe aller historischen und politischen Entscheidungen, die dazu geführt haben, dass Schwarze Menschen seit 400 Jahren entmenschlicht wurden, ihrer Kultur beraubt worden sind, versklavt worden sind und die Auswirkungen dessen bis ins Heute wirken. Denkt darüber nach, wenn ihr euch fragt, kann ich als weiße Person Rassismus erfahren.
Davon reden wir seit Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten. Es fehlt nicht an Schwarzen Menschen, die das zum Ausdruck bringen.
Es fehlt am Zuhören derer, die nicht davon betroffen sind.
Was man tun kann, wenn man sich solidarisch zeigen möchte? Was man tun kann, wenn man die Werte unseres Grundgesetzes und unserer Landesverfassung achtet?
Sich positionieren, wenn Unrecht geschieht.
Wenn Menschen ihrem Grundrecht auf ein rassismusfreies Leben genommen wird, dann ist es notwendig, einzuschreiten. Haltet dagegen. Empfindet einen Impuls der Ungerechtigkeit, der euch zum Handeln bewegt. Zeigt euch solidarisch so wie heute und geht dieses Problem gemeinsam mit uns an.
Zum Schluss. Wir haben in den letzten Tagen viel über Verletzungen und Gewalt gegenüber Schwarzen Menschen gesprochen – zu Recht. Es musste ausgesprochen werden und das muss es auch weiterhin. Deshalb richte ich meine letzten Sätze an euch, meine Schwestern und Brüder:
Wir sind so viel mehr als die Summe der Beleidigungen und Verletzungen, die wir erfahren.
Das Schlimme an Rassismus ist, dass viele damit zu kämpfen haben, sich zu fragen: Bin ich gut genug? Die Antwort ist: Ja, bist du! Das gilt genauso für euch alle, die ihr euch dieselbe Frage stellt. Eure Hautfarbe, eure Religion, eure Herkunft – egal wie oft man versucht es dir zu vermitteln, sind kein Grund, weshalb du keinen Anspruch stellen darfst. Du darfst alles beanspruchen, sowie jede und jeder andere auch. Denn wir gestalten diese Gesellschaft auch heute schon mit!
Wir sind:
Schwestern
Brüder
Mütter
Väter
Schüler*innen
Lehrer*innen
Reinigungskräfte
Verkäufer*innen
Altenpfleger*innen
Autor*innen
Künstler*innen
Busfahrer*innen
Politiker*innen
Journalist*innen
I see you.
I hear you.
I feel you.
Wir haben ein Recht darauf politisch gehört und gesehen zu werden. Ihr werdet mich immer an eurer Seite haben beim Kampf für das Grundrecht rassismusfrei leben zu dürfen!