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Die letzten Wochen

In den letzten Wochen haben viele Menschen unterschiedliche Schwarze Akteur*innen getagged und Folgeempfehlungen gegeben. Bei Insta und auf Twitter. Das hat für die erhöhte Sichtbarkeit von Schwarzen Akteur*innen gesorgt. Schon währenddessen habe ich mit vielen Schwarzen Akteur*innen darüber gesprochen, was das mit einem macht. Die Wertschätzung für die eigene Arbeit freut einen, aber die Gefahr ist da, dass die Unterscheidung der verschiedenen Rollen verschwimmt.
Ich war manchmal wirklich versucht einfach nen Post rauszuhauen und deutlich zu machen: Ich bin keine Aktivistin. Egal, wie oft ich als Aktivistin getagged wurde. Und das nicht, weil ich die Arbeit von Aktivist*innen nicht schätze, im Gegenteil, sie ist notwendig und bewegt so unfassbar viel. Sie ist auch für die Arbeit als Politikerin, die ich mache, zwingend notwendig.
Und größer gesprochen als die Tags bei Insta: Wieso ist es wichtig zu unterscheiden, was jede*r von uns tut? Weil mit den unterschiedlichen Rollen, meiner Meinung nach, auch unterschiedliche Aufgaben und Verantwortung einhergehen.
Expertise zu antischwarzen Rassismus hat man nicht, nur weil man Schwarz ist.
Jede Schwarze Person macht die Erfahrung antischwarzen Rassismus zu erleben und kann davon berichten. Aber ist deshalb nicht Expert*in in der Beantwortung von Struktur- oder Systemfragen. Schwarze Expert*innen haben sich dieses Wissen angeeignet und/ oder selbst produziert. Das ist ein langwieriger Prozess. Das zu betonen, ist mir wichtig, weil es sonst unsichtbar macht, welche Arbeit Wissenschaftler*innen wie Peggy Piesche, Maischa Maureen Auma, Natasha Kelly, Grada Kilomba und viele andere leisten.
Wenn wir also nicht unterscheiden in den Rollen, die die unterschiedlichen Akteur*innen haben – von Autor*innen, Bildungsreferent*innen, Wissenschaftler*innen, Journalist*innen, Aktivist*innen, Musiker*innen, Menschen, die in Selbstvertretungsorganisationen arbeiten, Antirassismustrainer*innen, Schauspieler*innen, Politiker*innen usw. usf., dann laufen wir Gefahr die selbe Messlatte an alle zu legen – was Wissen, was Einfluss, was Möglichkeiten und auch was die persönliche Entwicklung angeht.
Da kommen wir auch zu dem Punkt von Verantwortung und Aufgabe. Ich habe nicht an jede Schwarze Person die Erwartungshaltung, dass sie strukturellen Rassismus in ihrem historischem Ausmaß auswendig weiß und ihn bekämpft, an dem Ort, an dem sie ist und wirkt. Unpopular opinion, aber wir reden hier über Strukturen, die seit Jahrhunderten gewachsen sind und demnach nicht durch einen Instagrampost zu verändern sind. Oft sind wir alleine in den Räumen und nicht jede Schwarze Person hat die Kraft, Zeit, Energie, Stellung (!), Abhängigkeiten, Privilegien das zu tun.
Ich freue mich und ermutige immer wieder Menschen diese Aufgabe in Angriff zu nehmen, in politische Räume zu gehen, wohlwissend, dass nicht jede*r das leisten kann. Aber die, die es können und wollen, die ermutige ich immer wieder darin, es zu tun.
Was wir aber definitiv tun können, ist, uns selbst und gegenseitig, so gut es geht, zu bilden und dieses Wissen weiter zu geben – each one teach one. Gerade weil wir so wenig an Wissen in den gegebenen Strukturen erfahren. Dieses Wissen ist wichtig für unser eigenes Selbstbild, für das Schaffen von safer spaces und den Anstrengungen diese Gesellschaft antirassistischer zu machen und gleichberechtigter zu leben.
Ich persönlich habe unterschiedliche Erwartungen an die unterschiedlichen Personen in den Räumen, in denen sie wirken und an mich selbst – im parlamentarischem System mit Mandat wirkend.
Viele Schwarze Akteur*innen arbeiten und wirken in Räumen, die nichts mit Bildungsarbeit oder politischer Arbeit zu tun haben und trotzdem (!!) nutzen sie ihre Plattform, ihre Position ihre Reichweite, um auf bestehenden Rassismus deutlich zu machen. Aus ihrer Rolle heraus. Das ist keine Selbstverständlichkeit und bedeutet für die Einzelnen immer auch in Konflikte zu gehen, die sie alleine am Ort ihres Wirkens austragen müssen.
Wenn wir über strukturellen Rassismus sprechen, dann wissen wir, dass dieser Auswirkungen hat. Auf uns wirkend, ausgehend von der Mehrheitsgesellschaft und innerhalb der Community wirkend. Das führt zu Hierarchisierungen, Privilegien und Benachteiligungen. All das muss und wurde vor uns und wird derzeit und auch nach uns diskutiert und kritisiert werden. Zu Recht, weil wir eins nicht tun dürfen, die Auswirkungen von Rassismus selbst zu manifestieren, sondern wir müssen sie aufbrechen. Durch kritisches Reflektieren und (!) handeln. Ich bin froh, dass es unzählige Räume gibt, in denen wir das offen diskutieren: Initiative für Schwarze Menschen in Deutschland, Each One Teach One, ADAN Netzwerk, Kollektiv Afrodeutscher Frauen – KOA, in bilateralen Gesprächen, in Runden, in der Familie und an vielen weiteren Orten.
Einen Wunsch, den ich habe, ist, dass wir uns den nötigen Respekt und die nötige Anerkennung für die unterschiedlichen Wege zu Teil kommen lassen. Because it ain‘t easy for anyone.
Lasst uns nicht vergessen, dass wir Kraft benötigen, um Rassismus zu bekämpfen. Lasst sie uns dahingehend investieren. Lasst uns nicht vergessen, dass wir, wenn auch mit unterschiedlichen Privilegien, alle damit zu kämpfen haben und vor allem am Ende des Tages gemeinsam dagegen kämpfen – in unserer berechtigten Meinungsvielfalt.
Es lohnt sich, sich genauer hinzusehen, wer wir sind und was wir tun, weil es deutlich macht, an welchen Orten zeitgleich gekämpft wird und aus welcher Rolle heraus wir das jeweils tun. Nach innen, wie nach außen gesprochen.