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Der Blick aus der Distanz

Foto: Alina Schessler
Es tut gut mit Distanz auf die Dinge zu blicken. Auf gesellschaftspolitische Debatten und auf alles drum herum. Was das mit einer Bewegung, Gesellschaft und einem selbst macht. Davon muss man manchmal pausieren, weil man sonst vergisst, dass man neben diesen notwendigen Auseinandersetzungen auch noch mehr/ etwas anderes ist als das. Eine Pause vom Schwarzsein oder Rassismuserfahrungen geht nicht, aber von den Debatten darum auf Plattformen. Sich selbst zu fokussieren und sich zu fragen: Was ist es eigentlich, wofür man kämpft und vor allem mit wem? Welche Energie will man aufbringen und was ist toxisch? Was ist zielführend und verändert Strukturen? Auf Zweiteres will ich mich nach wie vor konzentrieren. Das allein verlangt schon so viel von jeder*jedem ab. Ich hab viel nachgedacht über den Hass der letzten Wochen, den viele Menschen erfahren, die sich gegen Rassismus positionieren. Der Hass ist groß. Er lässt einen nicht locker und bewirkt auch, dass die Intention – einen davon abzuhalten zu sprechen – ab und dann auch wirkt. Ich hab Momente gehabt, in denen ich keine Kraft dafür hatte noch mehr Presseanfragen zu Rassismus zu beantworten, weil ich wusste, dass mit jedem Statement eine neue Welle von Hassnachrichten folgt. Ich hab mich über mich selbst geärgert, aber wusste, ich muss mit meiner Energie haushalten, um meiner parlamentarischen Arbeit angemessen nachzukommen. Unter anderem daran arbeiten, dass in den Strukturen Maßnahmen gegen Rassismus überlegt und umgesetzt werden. Rassist*innen hassen es zu sehen, dass wir sichtbarer werden. Raum einnehmen. Einfordern. Das sind von Hassnachrichten über Drohungen eine Menge. Viele von uns sprechen nicht viel darüber, weil wir ihnen keinen Raum geben wollen. Aber er nimmt Raum ein in den eigenen Gedanken und Emotionen. Sich gegen Rassismus und Rechtsextremismus zu positionieren bedeutet sich dieser Gefahr auszusetzen. Es hilft dabei nicht, wenn es staatliche Strukturen sind, die in den letzten Wochen mit unter bestätigten Verdacht geraten sind, sich daran zu beteiligen. Denkt das mit, wenn ihr Leuten begegnet, von denen ihr findet, dass sie nicht genug geben. Nicht „unapologetic“ enough sind. Zu überlegen, wie und in welcher Form man spricht, hat viel mit Schutz zu tun. Nicht nur der eigene, sondern auch der der eigenen Familie und engsten Menschen um einen herum. Unapologetic zu sein bedeutet nicht nur radikale Aussagen zu treffen, sondern für viele Menschen da draußen einfach, dass wir BIPOCs überhaupt in Räumen sind, wo sie uns nicht sehen wollen, weil wir verändern, diskutieren und streiten. Meist in der Minderheit und den schmerzhaften Debatten alleine begegnend. Dass wir in diesen unterschiedlichen Räumen sind, veranlasst Menschen dazu einem das Schlimmste zu wünschen, es aufzuschreiben und abzuschicken. Lasst uns selbstkritisch bleiben, aber solidarisch und anerkennend für die unterschiedlichen Wegen beim gemeinsamen Kampf gegen Rassismus. Ich schicke euch allen viel Kraft und Durchhaltevermögen für alles Anstehende!